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Vom Rauschmittel zum Medikament: Renaissance der Forschung mit THC, LSD und Co.

Vom Rauschmittel zum Medikament: Renaissance der Forschung mit THC, LSD und Co.

Vom Rauschmittel zum Medikament: Renaissance der Forschung mit THC, LSD und Co.

Was 1943 als Missgeschick begann, sollte in weniger als zwei Jahrzehnten die „Psychedelische Revolution“ befeuern: Die Entdeckung des Lysergsäurediethylamids (LSD). Albert Hoffmann beschrieb nach einem (zunächst unfreiwilligen) Selbstversuch als erster die psychedelischen Effekte des inzwischen weltbekannten Mutterkornalkaloid-Derivats. Es folgten zahlreiche Untersuchungen im Bereich der Psychiatrie. Selbst das Militär untersuchte die hochpotente Chemikalie auf potenziellen Nutzen. So entstand ein einzigartiges Spannungsfeld zwischen illegalem Rauschmittel und medizinischem Potenzial.

Vom Labor auf die Straße – und in die Prohibition
Es dauerte nicht lang, bis LSD aus dem Labor auf die Straßen schwemmte und einen Grundstein für die Hippie-Kultur der 1960er-Jahre bildete. Eine drastisch intensivierte Drogenpolitik und schließlich das Verbot waren nicht nur in den USA die Folge. 1971 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Konvention über psychotrope Substanzen. Stoffe wie LSD waren damit nicht mehr verkehrsfähig. Doch nicht nur die private Nutzung galt fortan als illegal: In Kliniken und Labors landeten sie im pharmakologischen „Giftschrank“ und gerieten damit aus dem Blick der Forschung. Der mögliche therapeutische Nutzen wurde nicht vergessen. Allerdings schien eine aktive Nutzbarmachung für medizinische Zwecke lange Zeit undenkbar, zumal nur wenige Forschende entsprechende Zulassungen bekamen – und mitunter durch die Forschung ihren Ruf riskierten.

Aus dem „Giftschrank“ zurück ins Labor
Seit einigen Jahren erlebt die pharmakologische Forschung in diesem Bereich jedoch eine Art Renaissance. Nicht nur LSD, sondern auch andere als „Rauschgift“ deklarierte psychotrope Substanzen wie Tetrahydrocannabinol (THC) oder Meskalin sind seit einem guten Jahrzehnt wieder vermehrt Gegenstand aktueller Forschung oder bereits zu medizinischen Zwecken zugelassen. Während eine Aufklärung des Wirkmechanismus im Vordergrund steht, untersuchen Forscher auch den Nutzen bei konkreten Indikationen. Dabei greifen sie in vielen Fällen alte Ansätze wieder auf: So zum Beispiel LSD als Therapieoption bei Alkoholabhängigkeit oder Angststörungen.

Ketamin: Erste Zulassung durch FDA
Ob es jemals LSD auf Rezept geben wird, steht noch in den Sternen. Deutlich weiter ist man im Umgang mit Ketamin, einem halluzinogenen Narkosemittel. Ursprünglich wurde das zugelassene Arzneimittel primär in der Veterinärmedizin eingesetzt. Seit den 1970er-Jahren erlangte es jedoch vor allem als Rauschmittel traurige Berühmtheit. 2019 erteilte in den USA die FDA (Food and Drug Administration) eine Zulassung als Therapieoption für behandlungsresistente Depressionen. Damit schaffte es eine Substanz aus der Illegalität zurück in die Medizin.

Ein weiter Weg zu Cannabis als Medizin
Eine ähnliche Entwicklung ist bei Cannabis zu beobachten: Der medizinische Nutzen des Cannabinoids THC scheint längst außer Frage zu stehen. In Deutschland beschloss der Bundestag jedoch erst 2017 das Gesetz „Cannabis als Medizin“, um (THC-haltige) Cannabisarzneimittel als Therapieoption für Schwerstkranke, einhergehend mit einer Kostenübernahme durch die Krankenkassen, zu etablieren. Eine Ausweitung der Indikationsgebiete und Senkung der Anforderungen für die Verschreibung ist zu erwarten – der zu erwartende Nutzen im Falle einer erweiterten Zulassung ist groß. Die genaue Ausgestaltung dieser Änderungen ist jedoch noch nicht absehbar.

Forschung ohne Vorurteile
Das Wiederaufgreifen beziehungsweise Fortführen von Forschung an und mit „Rauschgiften“ hat das Potenzial, die Pharmakotherapie zu bereichern. Dabei ist es wichtig, die Zulässigkeit der Forschung losgelöst von Legalisierungsdebatten und den Gefahren des Freizeitgebrauchs zu betrachten. Während gerade die LSD-Forschung in den 1950er-Jahren aus heutiger Sicht als fragwürdig einzuschätzen ist, besteht nun die Möglichkeit, damalige therapeutische Ansätze ethisch korrekt und evidenzbasiert zu untersuchen und neu zu bewerten. Denn manchmal kann die Palette der pharmakologischen Möglichkeiten auch durch „einen Blick zurück“ wachsen.

Autor
Lisa Vandieken, Junior Medical Writer

Literatur
1. Hoffmann A., LSD - mein Sorgenkind. Die Entdeckung einer „Wunderdroge“, Klett-Cotta; Auflage: 8. Druckaufl. (2019)
2. Wacker D et al. Crystal Structure of an LSD-Bound Human Serotonin Receptor. Cell, 2017; 168 (3): 377 DOI: 10.1016/j.cell.2016.12.033
3. Krebs TS und Johansen PØ. Lysergic acid diethylamide (LSD) for alcoholism: a meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Psychopharmacology, 2012, DOI: 10.1177/0269881112439253
4. Müller F et al. Acute effects of lysergic acid diethylamide (LSD) on amygdala activity during processing of fearful stimuli in healthy subjects. Translational Psychiatry, 2017, DOI: 10.1038/tp.2017.54
5. https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/fda-approves-new-nasal-spray-medication-treatment-resistant-depression-available-only-certified (letzter Abruf 12.06.2019)
6. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2017/januar/cannabis-als-medizin.html (letzter Abruf 12.06.2019)