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Wissenschaftskommunikation in Krisenzeiten: Von Koinzidenzen, Kausalitäten und Korrelationen

Wissenschaftskommunikation in Krisenzeiten: Von Koinzidenzen, Kausalitäten und Korrelationen

Wissenschaftskommunikation in Krisenzeiten: Von Koinzidenzen, Kausalitäten und Korrelationen

Eine Wissenschaftsdisziplin, die für gewöhnlich eher abseits des medialen Rampenlichts forscht, steht seit Monaten im Fokus von Medien, Politik und Bevölkerung: die Virologie. Beim Schritt aus dem Labor auf die Bühne der Öffentlichkeit stolpert manche*r Wissenschaftler*in, denn der Weg wartet mit Hindernissen auf. Dabei ist gerade in Krisenzeiten gute Wissenschaftskommunikation wichtiger denn je.

Wissenschaft erforscht Zusammenhänge sowie die Frage nach Ursache und Wirkung. Komplexität liegt dabei in der Natur der Sache. So zeichnet sich Forschung durch eine Differenziertheit aus, für die in der schnelllebigen öffentlichen Berichterstattung häufig Zeit und Raum fehlen. Zahlreiche Publikumsmedien leben von Verkürzungen und Schlagzeilen, die vor allem einem Zweck dienen: Aufmerksamkeit zu generieren. Entsprechende Medienformen und wissenschaftliche Korrektheit lassen sich im Zeitalter des Clickbaitings nur bedingt miteinander in Einklang bringen. Problematisch wird es, wenn der aufmerksamkeitsstarke Minimalismus Missverständnisse, Trugschlüsse und Scheinkausalitäten begünstigt.

Klapperstorch und Babys: Korrelation ≠ Kausalität

Ein Blick auf ein Beispiel verdeutlicht die zu erbringenden Transferleistungen sowie potenzielle Stolperfallen, die sich auftun, wenn es gilt Forschungsergebnisse an Massenmedien zu kommunizieren:

Statistiken zeigen1,2:

A Die Geburtenrate sinkt seit den 1960er-Jahren in zahlreichen Regionen.
B In gleichem Ausmaß und Zeitraum nahm die Storchenpopulation ab.

Mit statistischen Werkzeugen gehen Forschende entsprechenden Beobachtungen auf den Grund, um Korrelationen von Koinzidenzen zu unterscheiden – immer in dem Wissen, dass diese zwei Entitäten nicht mit Kausalitäten gleichzusetzen sind, wie deutlich wird, wenn wir unser Beispiel genauer betrachten:

Drei exemplarische Annahmen:

Annahme 1: Koinzidenz = Es handelt sich um Zufall.
Annahme 2: Korrelation = A und B hängen (indirekt) zusammen und wurden evtl. durch denselben Faktor beeinflusst, beispielsweise eine zunehmende Urbanisierung.
Annahme 3: Kausalität = Der Klapperstorch muss die Babys bringen.

Entsprechende Abwägungen und Auseinandersetzungen erstrecken sich bei komplexeren Sachverhalten in wissenschaftlichen Publikationen meist über mehrere Seiten voller Thesen, Berechnungen und Relativierungen. Kurzum: Gründlicher wissenschaftlicher Diskurs ist ausgesprochen ausführlich sowie detailliert – und verlässt meist entsprechende Fachmedien nicht.

Aus Information wird Schlagzeile: Transferleistung unter erschwerten Bedingungen

Was aber, wenn ein schlagartig gesteigertes öffentliches Interesse ein ganzes Fachgebiet aus Laboren und Fachmedien in die Massenmedien katapultiert? Ein Transfer ist erforderlich, der weit mehr als nur eine Übersetzung aus Fach- in Laiensprache beinhaltet. Eine Herausforderung und mögliche Gefahr sind sogenannte Fehlschlüsse. Hierbei werden Koinzidenzen oder Korrelationen fälschlicher Weise mit Kausalitäten gleichgesetzt. Diese Scheinkausalitäten können durch (falsch) verkürzte Darstellungen in Publikumsmedien begünstigt werden. Die inkorrekte Annahme 3 (der Storch müsse die Babys bringen) mag absurd und amüsant erscheinen.

Aber im Rahmen einer Pandemie sind solche Scheinkausalitäten alles andere als unterhaltsam. Denn von der fiktiven Überschrift „Forscher berichten: Geburten- und Storchenzahl aus gleichem Grund gesunken“ ist es mitunter kein weiter Weg zur Clickbait-Schlagzeile „Sterben wir ohne Störche aus?!“ Ängste und ungünstige Verhaltensweisen wie z. B. massenhaftes Aufkaufen und Hamstern von Storcheneiern sind mögliche Folgen einer solchen Berichterstattung.

Wissenschaftskommunikation muss daher Vorsicht walten lassen und darf Scheinkausalitäten keinen Vorschub leisten. Doch gegen das verkürzende Vorgehen mancher Medien sind selbst Wissenschaftler*innen mit guten kommunikativen Fertigkeiten nicht immer gefeit.

Wissenschaft trifft Politik und Lebensrealität

Hinzu kommt: Während Forschende primär nach dem Wie und Warum fragen und versuchen zu ergründen Was die Zusammenhänge sind, fragen Bevölkerung, Medien und Politik meist: Was sind die Konsequenzen?*

Die Forschungsfrage

Wie hängen Rückgang der Storchenpopulation und sinkende Geburtsraten zusammen? Warum ist eine scheinbare Korrelation zu beobachten? Was kann geschlussfolgert werden?
trifft auf
Was bedeutet das für mich? Was ist jetzt mit meiner Familienplanung?

Dabei können Wissenschaftler*innen solche Fragen nur bedingt beantworten, während ein Großteil der Gesellschaft jedoch eine Antwort auf eben diese Fragen einfordert.

Wissenschaftler*innen sind Forschende und keine Medienprofis

Wenn ein großer öffentlicher Informationsbedarf besteht, ist es richtig und wichtig, dass Menschen mit wirklicher Expertise gehört und gesehen werden. Manche Forschende behelfen sich, indem sie eine qualifizierte Agentur mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit betrauen. Ein praktikabler Ansatz, denn Wissenschaftler*innen sind vor allem eines: Forschende und keine Medienprofis. Andere wiederum selektieren, welche Formate und Medien sie mit Informationen versorgen wollen und sichern sich so im Idealfall Rahmenbedingungen, die der Komplexität der Inhalte gerecht werden.

Experten in der Krise: Man wird kein Virologe, indem man einen Podcast hört

In Krisenzeiten ist ein solches Vorgehen wichtiger denn je. Schließlich ist zurzeit ein Phänomen zu beobachten, das man sonst nur von Fußball-Weltmeisterschaften kennt: Plötzlich gibt es Millionen selbsternannter Nationaltrainer*innen respektive Virolog*innen – und jede*r weiß es selbst am besten. Wenngleich ein breites öffentliches Interesse für ein Fach wie die Virologie, das sonst eher ein Nischendasein fristet, prinzipiell zu begrüßen ist, öffnet es auch Tür und Tor für falsche Schlussfolgerungen und Fehlinformation bis hin zu „alternativen Fakten“ und dubiosen Verschwörungstheorien.

Ein „geordneter kollektiver Rückzug der Wissenschaftler“ ist keine Lösung

Wäre ein Rückzug aus dieser Art von Öffentlichkeit und Medienwelt eine Lösung? So müßig und anstrengend es sein mag, dieser Art von Berichterstattung etwas entgegenzusetzen: Ein kompletter Rückzug der Expert*innen aus der Öffentlichkeit darf keine Lösung sein. Vielmehr gilt es, bedacht zu kommunizieren und mögliche Stolpersteine zu kennen, um ihnen ausweichen zu können. Weitreichendere Wissenschaftskommunikation kann daher in den Händen von erfahrenen Kommunikationsprofis gut aufgehoben sein. Denn der Schritt in die Öffentlichkeit macht immer auch angreifbar. Eine gute professionelle Kommunikationsstrategie kann Schutz bieten: Sowohl der Person als auch Schutz vor Verzerrung oder fehlerhafter Wiedergabe der Aussagen.

*Ausführlicher und sehr anschaulich beschreibt die Chemikerin, Wissenschaftsjournalistin und Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim diese von Wissenschaftskommunikator Jean - Luc Doumont als what vs. so what beschriebene Problematik in ihrem Video „Virologen-Vergleich“. Prof. Christian Drosten greift dieses Video und die Thematik in Folge 46 des Coronavirus-Update des NDR auf (ab ca. 00:28:00).

Mehr unterhaltsame Scheinkorrelationen finden sich auf https://scheinkorrelation.jimdofree.com/

1 Matthews R. Teaching Statistics 2000; 22(2): 36-8
2 Sies H. Nature 1988; 332: 495.

Autorin

Lisa Vandieken, Junior Medical Writer