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Prometheus 4.0

Prometheus 4.0

Prometheus 4.0

Als die Engländerin Mary Shelley 1818 ihren Erstlingsroman veröffentlichte, ahnte sie wohl kaum, dass sie einen modernen Mythos geschaffen hatte, der Literaturgeschichte schreiben sollte. Über 200 Jahre später ist „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ ein weiterhin frischer Stoff, der immer wieder aufs Neue im jeweiligen Geist der Zeit interpretiert wird.

Was macht den Reiz der Geschichte aus? Da ist natürlich der wohlige Schrecken, der einem beim Lesen dieses Meilensteins der Horrorliteratur überkommt. Aber befreit man das Werk vom Element des Übernatürlichen, öffnet sich der Blick für eine zu Shelleys Zeit nur wenigen Privilegierten zugänglichen Teil der Gesellschaft: die Welt der Wissenschaftler. Der Erfolg des Romans zeigt, wie faszinierend für die Öffentlichkeit bis heute ist, was in der Wissenschaft passiert und welche Menschen dahinterstehen. Wer war dieser Viktor Frankenstein aus Genf, den die Autorin schuf? Ein genial-besessener Wissenschaftler. Einer, der den Menschen recycelt und den Kreislauf der „klassischen“ Reproduktion des Lebens durchbricht. Ein schlechter Vater, wie sich im Verlauf der Schauermär erweist. Ein Eigenbrötler, dessen Familienname bis heute negativ konnotiert ist.

Mittlerweile wurden Chirurgie und Galvanismus von Klonierung und Genom-Editierung abgelöst. Auf Frankensteins fiktives Geschöpf sind reale Wesen gefolgt: Klon-Schaf „Dolly“, Bakterien mit Minimalgenom und nicht zuletzt die Zwillinge „Nana“ und „Lulu“, Ergebnisse des vermutlich ersten gentechnischen Eingriffs in die menschliche Keimbahn. Wieviel Victor Frankenstein steckt im Forscher von heute? Das Beispiel des „Urvaters“ zeigt, dass Wissenschaft Transparenz braucht: Die Akteure müssen erklären, dass sie das Machbare nicht um der Möglichkeit Willen tun. Dass ihr Handeln die Notwendigkeit zum Anlass hat. Dass ihr persönlicher Ehrgeiz nicht eitler Selbstzweck, sondern gesunder Antrieb ist. Hier ist Wissenschaftskommunikation Schlüsseldisziplin: Sie hilft, Wissen gezielt zu vermitteln, Diskussionen anzuregen, die ethischen Standards nicht zu vergessen – und kann ganz nebenbei mitreißende Geschichten erzählen.

Autor

Dr. Michael Wenzel, Senior Medical Conceptioner