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Das genetische Erbe Tschernobyls

Das genetische Erbe Tschernobyls

Das genetische Erbe Tschernobyls

Am 26. April 1986, nur wenige Jahre vor dem Ende der Sowjetunion, ereignete sich der Reaktorunfall von Tschernobyl. Der sogenannte Super-GAU (größter anzunehmende Unfall) im Gebiet der heutigen Ukraine führte zur Kontamination der Umwelt und einer hohen Strahlenbelastung der lokalen Bevölkerung und der Einsatzkräfte vor Ort. Das Ereignis hallt bis heute nach, wobei die gesundheitlichen Folgen weiterhin wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Eine der ersten systematischen Untersuchungen zu den genetischen Folgen vom Menschen verursachter Strahlenexposition zeigt, dass die Schäden für die nachfolgende Generation möglicherweise geringer als befürchtet ausfallen.

Nagasaki, Hiroshima, der Goiania-Unfall in Brasilien – vom Menschen verursachte Strahlenkatastrophen und die dadurch verursachten gesundheitlichen Folgen sind Gegenstand umfassender Untersuchungen. Auch der Vorfall von Tschernobyl bietet die Möglichkeit, die Auswirkungen ionisierender Strahlung auf den Menschen zu untersuchen. Das Wissen über die Folgen der Exposition über die natürliche Hintergrundstrahlung hinaus auf das Erbgut des Menschen, stammt größtenteils aus Tierexperimenten. Bisherige Untersuchungen beim Menschen konzentrierten sich auf Krebserkrankungen der Schilddrüse oder des blutbildenden Systems, Fortpflanzungs- und Entwicklungsstörungen der Nachkommen exponierter Personen. Ihre Ergebnisse liefern ein unklares Bild.

Exponierte Eltern, unbelastete Nachkommen

Die Untersuchung eines internationalen Forscherteams galt den Nachkommen von Räumungsarbeitern, sogenannten Liquidatoren, die bei der Sanierung des Tschernobyl-Geländes zum Einsatz kamen und Evakuierte im Umkreis von 70 Kilometern um das Atomkraftwerk, u. a. aus der heute verlassenen Stadt Pripjat1. Das besondere Augenmerk der Wissenschaftler galt dabei Mutationen, die auf Änderungen des Erbguts in Spermien und Eizellen der beruflich oder umweltbedingt ionisierender Strahlung ausgesetzen Eltern zurückzuführen sind, die sogenannten De-novo-Mutationen (DNM). Als Untersuchungsmethode der Blutproben von 130 Personen, die zwischen 1987 und 2002 geboren wurden, und deren Eltern kam die Gesamt-Genom-Sequenzierung zum Zuge. Das Ergebnis verwundert: Die Forscher konnten keine Erhöhung der Raten, eine ungewöhnliche Verteilung oder Arten von DNM feststellen. Die Rate und die Verteilung der Varianten einzelner DNA-Bausteine (single nucleotide variants, SNV) waren vergleichbar mit denen, die in der allgemeinen Bevölkerung berichtet wurden und unabhängig von der väterlichen oder mütterlichen Strahlenbelastung. Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass es keine Beweise für eine wesentliche Auswirkung auf Keimbahn-DNM beim Menschen – also einen generationsübergreifenden Effekt ionisierender Strahlung in der Dimension des Reaktorunfalls von Tschernobyl – gibt. Sie geben allerdings zu bedenken, dass zusätzliche Untersuchungen erforderlich sind, um die Effekte einer akuten hochdosierten Exposition der Eltern näher an der Empfängnis zu untersuchen, zumal die Studiendaten von Menschen gewonnen wurden, die Monate oder Jahre nach dem Tschernobyl-Unfall gezeugt wurden.

Glückliche Pferde, geschädigte Bodenlebenwesen

Wie sieht es heute um Tschernobyl aus? Seit der Katastrophe haben Flora und Fauna Einzug in verlassene Plattenbauten und Verwaltungsgebäude mit verwitterten kommunistischen Symbolen genommen. Das Sperrgebiet ist ein Zufluchtsort für Elche, Wölfe und das vom Aussterben bedrohte Przewalski-Pferd geworden. Ist die Welt um den Reaktor damit heil? Keineswegs. Bäume wachsen langsamer, ihr Laub verrottet schleichend. Die Strahlung hat Bodenbakterien und Pilzen offenbar zugesetzt. Inzwischen setzen sich erste Untersuchungen mit der komplexen Wechselwirkung zwischen Mikroflora des Erdbodens und dem Mikrobiom des Darms von Kleinsäugern im Gebiet von Tschernobyl auseinander2. Die Erkenntnisse sind wertvoll für die Risikoeinschätzung im Umgang mit Strahlenkatastrophen, wobei sich die Wissenschaft ein Rennen mit der Zeit liefert: Denn Japans Regierung plant, die im Zuge des Super-GAUs von Fukushima gesammelten Millionen Tonnen kontaminiertes Wasser zu behandeln und allmählich in die See zu leiten.

Autor

Dr. Michael Wenzel, Medical Conceptioner
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Quellen:

1. Yeager M. et al., Science 2021. doi: 10.1126/science.abg2365

2. Antwis R.E. et al., J Anim Ecol 2021. doi: 10.1111/1365-2656.13507